Weg da, ihr Penner!
19. September 2006, 20:49 Uhr Derber Shit, Alter! , Political correctness Halla
Ein Samstag im August, in einer beliebigen Großstadt. Es ist früher Abend gegen acht Uhr, die Temperatur liegt bei angenehmen 25°: “Summer in the City” sozusagen, die schönste Zeit des Jahres. Ein Blick in den stahlblauen Himmel verrät mir, daß die Sonne noch ein paar Stunden scheinen wird.
Ich sitze friedlich in einer großen Grünanlage auf einer Bank und warte auf einen Kumpel von mir. Auf dem Weg joggen ein paar unverbesserliche Sportler vorbei, Rentner führen ihre Hunde aus, auf der Bank neben mir küßt sich ein offensichtlich frisch verliebtes Pärchen, etwas weiter entfernt spielen ein paar Jungs Frisbee - einer der beiden ist ziemlich gut, selbst die Würfe mit der Vorhand fliegen seinem Partner praktisch direkt in die Fang-Hand.
Ich warte derweil auf einen Kumpel von mir. Wir wollten uns im Park treffen, um danach auf eine Outdoor-Party um die Ecke weiterzuziehen.
Als er kommt, trägt er ein Six-Pack unter dem Arm. Wir begrüßen uns und gleich darauf drückt er mir ein Bier in die Hand. Wir haben uns lange nicht mehr gesehen, kein Wunder, seit wir alle Schule und Studium entwachsen sind bleibt neben dem Job nicht mehr soviel Zeit zum Abhängen wie früher. Spielt aber gerade im Moment keine Rolle, den schließlich ist die Situation fast perfekt: ein lauer Sommerabend, die Luft riecht nach Gras (das aus dem Boden kommt) und jeder genießt friedlich den Samstag abend auf seine Weise, egal ob mit Joggen, Frisbeespielen, Gassi gehen oder wildem Rumknutschen.
Bis es sich lohnt weiterzuziehen, ist es noch eine Weile hin, und wir beschließen, uns unter einen Baum in den Schatten zu knallen, ein paar Bierchen zu trinken, über alte Zeiten zu quatschen und dem Treiben im Park zuzusehen. Gesagt getan: Ein Baum ist schnell gefunden, das Bier offen und wir relaxen und unterhalten uns.
Plötzlich durschneidet eine laute, blecherne Stimme die abendliche Idylle im Park:
“Hier spricht die Polizei von Frankfurt am Main. Das Betreten der Wiese sowie der Konsum von alkoholischen Getränken in der Öffentlichkeit ist nicht gestattet. Räumen Sie sofort das Gebiet und stellen Sie den Konsum ein. Sollten Sie leere Flaschen zurücklassen, wird eine angeforderte Streife ihre Personalien aufnehmen und an die Stadt weiterleiten.”
Wir schauen uns ungläubig an, eine Streife ist nirgendwo zu sehen. Sind wir gemeint? Oder erlauben sich irgendwelche Kiddies, die zum Geburtstag ein Megaphon geschenkt bekommen haben, einen Spaß mit uns? Wir ignorieren die Stimme.
“Dies ist eine letzte Aufforderung, das Gelände zu räumen. Sie beide unter dem Baum sind gemeint.”
In welchen Film sind wir jetzt geraten? “Was? Wer? Wir oder was? Wo seid ihr denn überhaupt?”, brüllt mein Kumpel ziellos in den Park.
“Hier spricht die Videoüberwachungsstaffel der Polizei Frankfurt. Dieser Park wird videoüberwacht. Bitte räumen Sie den Platz”.
Neben der Laterne am Weg vor uns sehe ich sie: die Überwachungskamera. Direkt darunter angebracht: Lautsprecher. Das kann ja wohl nicht wahr sein. Wild fluchend räumen wir zusammen und ein Rentner, dessen Hund gerade an den Wegrand scheißt, sieht uns an, als wären wir die letzten asozialen Penner. “Gottseidank hat es die Polizei gerade noch mal geschafft, eine Straftat zu verhindern. Diese präventiven Massnahmen in den letzten Jahren - Toll!”, denkt er sich. Aber ihr wißt ja, wie das ist: Wer frei ist von Sünde, der werfe den ersten Stein, oder so ähnlich.
Das wild knutschende Pärchen auf der Bank direkt daneben entwirrt sich ebenfalls schleunigst, ich sehe noch wie ihre Hand aus seiner Hose verschwindet, bzw. sich seine Hand unter ihrem Pulli wieder zum Verschein kommt. Eine schöne Live-Show für die Beamten an den Kameras, die zweifelsfrei auch noch über eine Zoomfunktion verfügen. Die beiden verschwinden schnell von der Bank und verdrücken sich irgendwo anders hin, wo sie von keiner Kamera gestört werden - genau wie die Dealer früher, die sind auch einfach einen Park weitergezogen, in einem Park ohne Kameras. Gedealt wird aber noch immer. Genauso wie das Pärchen auch später noch weiterknutschen und sich befummeln wird.
Was meinen Kumpel und mich anging: Wir waren eben etwas früher bei der Party. Und unterhielten uns über die Zeit, als es noch keinen Überwachungsstaat gab. Eine Vorteil hat die Sache ja: Auf die Art wird wirklich auch dem letzten Träumer klar, daß die Kameras nicht zum Spaß rumhängen, sondern zur Überwachung dienen, selbst wenn man “gar nichts zu verbergen hat”. Aber diese Erkenntnis kommt wohl zu spät.
Die Geschichte ist natürlich rein fiktiv und auch die Stadt Frankfurt setzt ein solches System (noch) nicht ein. Ernsthaft erprobt wird es derzeit allerdings im britischen Middlesbrough, bei einem Erfolg ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis eine Blitzbirne auf die Idee kommt, daß das doch auch eine schöne Sache für uns hier in Deutschand wäre. (englischer Orginalbericht in der Daily Mail, gefunden bei gulli.com und Telepolis)






they totally caught me taking a piss too.
Man kann einfach nur hoffen, dass es soweit nicht kommen wird - obwohl man ja eigentlich weiß, dass es so sein wird. Beim Durchlesen des Eintrags war ich mir nämlich nicht durchgehend sicher, ob nun fiktiv oder nicht. Und das ist schon schockierend. Vor einigen Monaten/Jahren hätte man das sofort als eine Geschichte abgestempelt, nun scheint’s schon erheblich realistischer.
Deswegen fangt wenigstens schonmal alle an, Jabber mit TLS+PGP zu nutzen, damit den Herrschaften Beamten in Punkto Kommunikation schonmal ans Bein gepisst werden kann.