Freiheit oder Moral

Freiheit oder Moral

16. August 2006, 00:12 Uhr Für Nerds Halla

Es bahnt sich gerade eine höchst intressante Diskussion darüber an, ob man die GPL so modifizieren sollte, daß sie einen Gebrauch entsprechender lizenzierter Software durch Militärs oder ähnlich gelagerte Organisationen, die Menschen Schaden zufügen können, ausschließt.

Sogenannte “freie Software” (bpsw. Linux, MySQL, OpenOffice, Wordpress - also die Software auf der dieses Blog aufsetzt, etc.) wird häufig unter der Gnu Public License, der GPL, veröffentlicht. Das wichtigste Grundprinzip besteht dabei darin, absolut jedem den “freien Austausch von Wissen, ebenso wie den freien Zugang zu technischem Wissen und Kommunikationsmitteln, nach Vorbild der wissenschaftlichen Freiheiheit” zu ermöglichen. Um das zu erreichen darf entsprechend lizensierte Software (kostenlos) zu jedem Zweck von jedem genutzt und frei verteilt (”kopiert”) werden - auch die wirtschaftliche Verwendung ist problemlos möglich. Der Quellcode liegt offen und kann von jedermann eingesehen und verändert oder angepaßt werden. Details zur GPL finden sich wie immer in der Wikipedia.

Für mich klingt das immer etwas nach modernem Hippietum - mit dem Unterschied, das das “jedem gehört Alles/für eine bessere Welt”-Prinzip dieses Mal funktioniert. Tausende von Programmiereren weltweit entwickeln hervorragende Software, ohne die Systeme wie z.B. das Internet heute undenkbar wären. Teilweise aus privaten Idealismus, teilweise als “normale” Angestellte von Konzernen oder Stiftungen wie der Mozilla Foundation, teilweise aus Spaß an der Technik schlägt man sich Nächte um die Ohren und schenkt das Resultat danach der Welt. Freie Software befindet sich seit Jahren in allen möglichen Bereichen auf dem Vormarsch, die für Otto-Normal-User bekannteste Anwendungen dürften wohl der freie Browser Firefox oder der Webserver Apache sein.

Mit anderen Worten: Freie Software ist sowas wie der Herr-der-Ringe-Gandalf, der “Good Guy”. Die Lizenz, bzw. der Grundgedanke des frei verfügbaren Wissens für jeden, der dieser Lizenz zugrunde liegt, ist ein integraler Bestandteil des “Hippie-Systems” (für den Ausdruck in dem Zusammenhang komme ich in die Hölle, ich weiß es…).

Nun aber stellen die Entwickler der Cluster-Software GPU (einer freien Anwendung für verteiltes Rechnen auf Grundlage des Gnutella-Netzwerks) eine Erweiterung der GPL vor, die eine Verwendung der Software verbietet, wenn diese zum Schaden von Menschen eingesetzt werden könnte. Konkreter: Die Software dürfte vom Militär oder ähnlichen Organisationen nicht mehr verwendet werden (”no-military-Lizenz”).

Die zentrale Frage, die sich nun stellt, ist folgende:
Darf man (bzw. sollte man) die Grundprinzipien des freien Austauschs von Wissen, die freie Verwendbarkeit von unter der GPL veröffentlichter Open-Source Software, ja die GPL selbst antasten und bestimmten Gruppen verbieten, entsprechende Software zu verwenden?

Diese Frage birgt einiges an Zündstoff und wird sicher für ausgedehnte Diskussionen sorgen.

Moralisch gesehen ist der Vorstoß in Richtung eines no-Military-Zusatzes sicher vollkommen korrekt und absolut nachvollziehbar. Aber Golem bringt das Dilemma recht gut auf den Punkt:

Bei Open Source geht die Verwendungsfreiheit jeglichen ethischen, moralischen oder sonstigen Bedenken vor.

(Golem.de)

Eine Rakete kann einen Atomsprengkopf transportieren der Tausenden Menschen das Leben kostet. Genausogut kann eine Rakete aber einen Satelliten zur Klimaforschung in die Umlaufbahn bringen oder ein Atomkraftwerk den Strom für ein Krankenhaus erzeugen. Technologie war schon immer ein zweischneidiges Schwert, daß sich wie ein Flaschengeist verhält - sobald er einmal freigelassen wurde, bekommt man ihn nicht mehr in die Flasche zurück. Man kann nur noch entscheiden, wozu man die vorhandene Technologie einsetzen will. Das aber entscheiden in den wenigsten Fällen die Entwickler (leider), sondern andere. Vulgo: Die Politik und die Industrie. Das mußten schon Robert Oppenheimer oder Wernher von Braun schmerzlich erfahren. (Zugegeben, der Vergleich hinkt, waren es doch in den Fällen die Militärs selbst, die die entsprechenden Forschungsfelder finanziert haben)

Auf der anderen Seite halte ich es für durchaus begrüßenswert, wenn die Entwickler ihr eigenes Schaffen reflektieren und versuchen mit einem entsprechenden Lizenzzusatz ein Zeichen zu setzen - wer weiß, wie die Geschichte verlaufen wäre, wenn das die o.g. Wissenschaftler damals getan hätten. Inwieweit sich praktisch überhaupt ein Verwendungsgebobt durchsetzen ließe, sei dabei einfach mal dahingestellt (ob sich bspw. der Iran um eine GPL scheren würde… ich glaube eher nicht).

So oder so: Ich bin höllisch gespannt darauf, welches Ergebnis die Diskussion in der Community zutage bringt und wie dieses Ergebnis begründet wird. Jedwede Freiheit um jeden Preis? Oder moralische Werte, die diese Freiheit einbremsen?


14 Kommentare für “Freiheit oder Moral”

  1. 1 Dirk schrieb am 16. August 2006 um 20:53 Uhr:

    Wer könnte etwas dagegen haben, Software einzugrenzen, damit sie keinem Menschen schadet? Wenn jetzt jemand kommt und die “Freiheit” als Argument ins Felde führen möchte, dem sei mal mit Sartre gesagt: “Existenz ist Freiheit, Freiheit damit Aufgabe und und Würde des Menschen; diese ist aber begrenzt durch die Freiheit des Anderen”. Ich bin der Meinung das sich Freiheit und Schadlosigkeit entsprechen. Wenn keiner keinen verletzt/unterdrückt/etc. sind alle frei (mal ganz platt gesagt). Vielleicht dient dann genau diese Eingrenzung eher der Freiheit, also irgendwelches Gefasel von moralfreier Freiheit an sich ;)

  2. 2 Halla schrieb am 16. August 2006 um 21:14 Uhr:

    Da hast Du sicher nicht ganz unrecht - aber die Frage ist vielmehr WER diese Schadlosigkeit einfordern sollte: Die Technik/Wissenschaft oder diejenigen, die als unsere Vertreter agieren, sprich die Politik?

  3. 3 Dirk schrieb am 17. August 2006 um 16:02 Uhr:

    Für mich ist die Frage nicht WER, sonder OB. Wenn man sich als Gemeinschaft oder Gesellschaft auf Werte wie die “Freiheit des Anderen” einigt, müssen beide Seiten Technik/Wissenschaft und Politik auf dieses Ziel hinarbeiten.

  4. 4 Payn schrieb am 2. September 2006 um 18:01 Uhr:

    Es gab doch bereits, falls ich mich richtig entsinne, eine Diskussion um eine Art hippokratischen Eid für Wissenschaftler. Das erinnert mich stark daran. Die Umsetzung bzw. Einhalt dürfte hierbei allerdings wieder der Knackpunkt sein. Selbst wenn es festgelegt wird, wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis sich jemand dem widersetzt. Jeder hat seinen Preis…

Mein Kommentar dazu: