Mercedes Dance

Mercedes Dance

14. August 2006, 20:49 Uhr Heavy Rotation Halla

Eigentlich wollte ich auf Reality on the Rocks nie etwas schreiben, was als Musik-Rezension verstanden werden könnte. Denn obwohl ich permanent Musik höre, verstehe ich davon einfach zu wenig um wirklich fundiert darüber zu schreiben. Außerdem lesen hier jede Menge Musiknazis mit, von denen ich mir anschließend gottweißwas anhören müßte.

Mein letzter iTMS-Neuerwerb aber bringt mich dazu, mit diesem Prinzip zu brechen, handelt es sich dabei doch eines der besten Alben, das je seinen Weg auf meinen Pod fand: Jan Delays aka. Jan Eißfeldts neues Album “Mercedes Dance”. Ein absolut amtliches Party-Brett, nicht mehr und nicht weniger!

Jan Delay, der bereits seit den 90ern mit den (Absolute) Beginnern am Start war und damit einer Pioniere des deutschen HipHop ist, hat mit Mercedes Dance bereits sein zweites Soloalbum nach “Searching for the Jan Soul Rebel” am Start. War das erste Album noch ziemlich Raggaelastig, so ändert Jan beim zweiten Album seinen Stil und näselt zu Funk- und Diskobeats. Unmengen an Bläsern, Percussion, Synties, Funk-Gitarren und warmen Orgeln, bei denen selbst die Doors blaß vor Neid wären, schaffen einen Sound, der mich wirklich umhaut: Soviel Style, soviel Abwechslung, so unglaublich viel Groove und freshen Shit habe ich schon lange nicht mehr gehört. Prototyp für den Sound ist das Instrumental “Gasthaus zum lachenden Stalin” (allein der Titel… wunnabar!)

[…]denn sie wissen, ich bring die Platten die was was bedeuten, die euch ein Leben lang begleiten wie gute Freunde” Als ich das gehört habe, mußte ich kurz an die alten Beginner-Platten aus den frühen 90ern denken. Deutscher HipHop in den Kinderschuhen, nur zu beziehen per Mailorder aus Katalogen. Das gesamte Angebot dieses jungen Genres paßte auf wenige kopierte DIN-A4 Seiten. Und mittendrin damals schon Eißfeldt und Co. mit “Großdeutsche Haartonsur”, “Dies ist nicht Amerika”, “Freiheit befreien” um nur einige der alten Nummern zu nennen. Ich finde es bewundernswert, wie es Jan Delay geschafft hat seinen musikalischen Stil über die Jahre immer weiterzuentwickeln, daran zu feilen, sich immer weiter zu verbessern ohne sich dabei selbst zu verraten oder zu verkaufen. Scheuklappen und Langeweile sind Fremdwörter - Hut ab! Mir fallen nicht viele Künstler ein, die mich von Anfang der 90er bis heute so begeistern (Gut, vielleicht noch Prodigy, aber von denen gibts ja leider nix neues seit Jahren….)

Ob die beiden Solo-Alben von Jan Delay noch immer HipHop sind? Der näselnde Großmeister hat darauf seine eigene Antwort: “Da kick’ ich Lyrics von Helge Schneider bis Bob Dylon / oh, wie der Scheiß rockt / der Scheiß ist so hot / der Scheiß ist so Pop / sie schreien Oh Gott […] Ich mag die Haltung von Punk, und den Style vom Jazz / Die Bässe vom Reggae und die Beats vom Rap.” Mir ist es scheißegal, ob das HipHop, Funk, Disko Rock oder Wiener Walzer ist und ob die Musik sich in eine Schublade stecken läßt, solange Jan Delay so klingt wie auf diesem Album: Nämlich derbe geil!

Mit dem Intro gehts gleich mal gut los. Jan Delay macht klar, was geht und was man die nächsten 45 Minuten erwarten darf: “Ein neuer Jan, ein neuer Anfang, Raggae ist tot, jetzt ist Funk dran.” Word! Aber sowas von!

Meine Anspieltipps:

Klar” dürfte dann der bekannteste Track der Platte sein und ist meines Wissens nach auch die erste Single-Auskopplung daraus. Das Ding ist ein 100%ig tanzbares, astreines Party-Brett und Arschwackler und groovt selbst Justin Timberlakes “Rock your Body” gnadenlos in Grund und Boden. Zeilen wie “Alle die feiern wollen, sagen Hey / und alle die Rocken wollen sagen Ho / ihr seid auf jeden Fall richtig bei Jan Delay” gewinnen nun nicht gerade einen Preis für die kreativsten Rhymes, aber der Star des Tracks sind auch mehr die Beats und die Instrumente, insofern geht das “Klar” (sorry, das Wortspiel konnte ich mir einfach nicht verkneifen).

Mit “Für immer und Dich” findet sich auch die unvermeidliche Schnulze auf der Pladde’. Gut, mein Fall ist es nicht, aber das liegt daran, daß mir schnulzige Lieder tendenziell eher auf die Nerven gehen. Kuschelrock toppt wird allemal um Längen getoppt.

Feuer” - der Name ist Programm. Ein Partytrack mit echter Message: “Denn das wichtigste ist, daß das Feuer nicht aufhört zu brennen / denn sonst wird es ganz bitterlich kalt / Ja, die Flammen im Herzen, die sind durch nichts zu ersetzen / darum halt sie am Laufen mit aller Gewalt”. Das scheint auch Jan Delay bei der Mache des Albums beherzigt zu haben, da steckt wirklich Feuer und Leidenschaft drin.

Bevor in “Plastik” der näselnde Gesang einsetzt, könnte man nicht sagen, ob es sich um ein Stück aus den frühen Jahren von Michael Jackson, Edwin Starr oder Rick James handelt, so funkig klingt das. Genialer Track, der neben “Klar” meine klare Nummer 2 ist und den in den Zwischenzeit auch vermutlich meine Nachbarn mitsingen können….

Und dann ist da noch der Schluss des Albums, passenderweise “Im Arsch“, bei dem der wahre Titan und Altmeister der deutschen Musikszene auftaucht: Dieter Bohlen Udo Lindenberg. Es ist unfassbar, wie gut die beiden zusammen klingen: Die näselnde Stimme von Jan Delay und dieses charismatische, schleppende Organ von Lindenberg sind wie Kopf und Arsch. Wenn ich das nächste Mal nach einer langen, durchgefeierten Nacht betrunken angetrunken müde nach Hause komme, dann werde ich mir genau dieses Teil reinfahren und mit einem Grinsen im Gesicht einschlafen.

Fazit: Kaufen! Das Geld ist gut angelegt und das Album ein echtes “Must-Have”. Warum kann deutsche Popmusik nur nicht immer so frisch, so unpeinlich und so tanzbar sein?

Andere (auch negative) Meinungen zu “Mercedes Dance” gibts übrigens hier oder auch hier. So, und jetzt dürfen mich gern alle mitlesenden Musiknazis zerreißen.


8 Kommentare für “Mercedes Dance”

  1. 1 David schrieb am 14. August 2006 um 21:31 Uhr:

    Find die Review wirklich gut, und stimm dir voll zu. Bewirb dich doch mal bei Laut ;)

  2. 2 ManU schrieb am 14. August 2006 um 23:01 Uhr:

    dem ist nichts mehr hinzuzufügen!
    starkes album, starker titel!
    wenn nur die stimme nicht wär…
    nur hab ich langsam das gefühl das wird zum meistrezensiertesten album ever.

  3. 3 Halla schrieb am 14. August 2006 um 23:21 Uhr:

    @David: Ne, lass mal, mit Dani Fromm leg’ ich mich nicht an :-) Die hat eine zu gute Schreibe…

    @Manu: Die Stimme ist doch gerade das Gute… ;-) Kenne ehrlich gesagt nur die Rezensionen von laut.de und der Netzzeitung (die ich auch verlinkt habe) - gibts noch andere?

  4. 4 Anonymous schrieb am 15. August 2006 um 12:34 Uhr:

    jo danke jetzt haste mir auch meinen nächsten blogeintrag vorweg genommen ;)

    ich als alter funk-soul brother hab ma fast nix an der scheibe auszusetzen und das mag was heißen :D

    jan delay, hey deejay mach so laut wies geehiiit!!!

  5. 5 Dirk schrieb am 15. August 2006 um 18:18 Uhr:

    Einige Tracks finde ich geil (Plastik, Feuer, Ahn ich gar nich, Klar und Gasthaus), dann ist da noch ein bischen maues Zeuch drauf (Im Arsch, Kartoffeln), den Rest kann man vergessen, finde ich. Zwiespältig. Texte auf erstgenannten Tracks sehr gut, bei letzteren doch etwas pseudo. Stimme finde ich top, ist halt das gewöhnte Genuschel ;) Finde gut, das der Mann nicht immer noch / nur HipHop macht, sondern sich auch mal anderen Richtungen öffnet (wie mit den letzten Solo-Platten schon bewiesen) - das könnte einigen anderen sog. “Musikern” auch mal ganz gut tun.

  6. 6 Ben Ebelt schrieb am 29. August 2006 um 15:12 Uhr:

    Hi

    netter Blog. Ich bin nicht der Typ um Fan zu sein- bis ich die Platte vom Herrn Eißfeldt inne Händen hatte. Begeistert war ich schon von seiner Ersten.

    “Für immer und Dich” hat mehr Hintergrund, wie oberflächlich ersichtlich:
    Es ist ein Rio Reiser Song! Und um Rio zu zitieren, muss man schon schwer geil sein. und mutig. und überlegt. und herben Hass auf die (Musik)Menschen haben, die ihn vergessen haben. Wenn ich nicht irre, hat J. Eißfeldt schon des öfteren Ton Steine Scherben oder zB. Rainer Maria Rilke neu belebt. Auf dieser Zeit und auf der (Gedanken)Kultur, die damals gelebt und gepflegt wurde, fundieren sich Herrn Eißfeldts Einstellungen und Texte; die Probleme, die J.E. anspricht und aufzeigt, waren genau die Themen oben gennannter Künstler, damals ist heute.

    Durch die Zitate Anderer, in meinen Ohren wirklich großen Musikern, ist es wie, als wolle Jan Eißfeldt auf sie aufmerksam machen und sie gradezu bewerben. Denn ohne die Erkenntnis, dass die vergangenen Künstler große Gedanken und Ideale gehabt haben und (in ihrer Musik) umsetzten, ohne selbst Fan zu sein, wäre es wider der Meinung, die er auf seinen Platten vertritt, wäre es wie Aufplustern, gar klauen, ohne Rückrad, weil ohne Hintergrund und Substanz.

    Also- wer Jan Eißfelds Meinung gefällt und teilen möchte, will sagen, wer ihn nicht nur hören und verstehen will, sondern auch begreifen, hat sich Alternative Musikgeschichte einzuverleiben. Wer nu fragt “welche denn?”, der braucht (für den Anfang) nur in den Liedern von J.E. suchen und findet sogar Udo Lindenberg (mehrfach zitiert.. und wenn ich micht nicht irre, dat Udo Lindenberg die Tour gegen Rechts durch Ostdeutschland, speziell durch das national gereinigte Wurzen mit organisiert oder gesponsort oder veranstaltet oder so). Alleine um Udo Lindenberg zu kapieren, hat man sich mit viel (deutscher) Geschichte auseinander zu setzen. (Ohne auf Udos Gefühlen rumtrampeln zu wollen) geschweige, Ton Steine Scherben, Rio Reiser, Rainer Maria Rilke abzuschnallen. da führt die Geschichte unweigerlich sogar an der RAF vorbei.

    So weit zum Schnulzenlied..
    Viel Spass beim recherchieren (und späterem Staunen und Hass durch begriffene Liebe)
    Ben___________________________
    Spasskultur ist nichts. Ernsthaftigkeit ist alles. Denn nähm ich nicht auch Spass ernst, könnte ich nicht sicher sagen, ob ich mich ernstnähme.

  7. 7 piet schrieb am 5. September 2006 um 15:44 Uhr:

    hi leute, wer interesse dran hat: ich habe hier exklusive bilder vom heutigen dreh zum neuen delay clip gepostet: http://blog.magix.net/

    beste grüße,
    piet

  8. 8 piet schrieb am 5. September 2006 um 15:49 Uhr:

    hi leute, wen’s interessiert: ich habe hier exklusive bilder von heutigen dreh des neuen videos (bei uns hinter’m haus) gepostet: http://blog.magix.net/de/

    beste grüße

Mein Kommentar dazu: