Admin für Raubkopierer

Admin für Raubkopierer

28. Juli 2006, 11:10 Uhr Netzfundstücke Halla

Heute ist der Tag der Systemadministratoren, der Sysadmin-Day. Einen solchen hätte die neue “Raubkopierer sind Verbrecher”-Kampagne ebenfalls dringend nötig: Auf dem Webserver wurde das Directory Browsing des Apachen nicht deaktiviert. Besonders peinlich: Im DocRoot befindet sich auch das Logfile, das damit für jedermann zugänglich ist (via Netzpolitik).

Vielleicht hätte man mal ein paar Tausend in die Administration stecken sollen, statt in die Agentur, damit die sich neue, schwachsinnige Sprüche ausdenkt. Besonders peinlich: Die “Zitate” irgendwelcher Film-Fuzzis (GVU-Chef, Chef Zukunft Kino etc) auf der Seite. Kostprobe?

“Viele Raubkopierer kennen Gefängnisse nur aus Filmen. Wir zeigen Ihnen jetzt die Originaldrehorte.”
“Das Recht auf eine Raubkopie ist genauso schwachsinnig wie das Recht auf einen Zweitwagen!”
“Raubkopierer sollten sich in Zukunft nicht mehr für bessere Brennprogramme, sondern für bessere Haftbedingungen einsetzen.”

Zuviel Terminator gesehen? Oder woher kommen solche markigen Sprüche? Dumm und prollig, das Niveau weit unterhalb der Grasnarbe und nicht mal auf der Höhe einer Stammtischdiskussion. Und das von den “obersten Kämpfern” gegen Filesharer. Na vielen Dank, das bringt uns sicher weiter. Noch dazu sind die Aussagen schlichtweg falsch: Fürs Filesharing kam noch niemand ins Gefängnis, und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.


4 Kommentare für “Admin für Raubkopierer”

  1. 1 Jan-Tobias schrieb am 28. Juli 2006 um 12:38 Uhr:

    Ja, ich weiß, ich stoße in ein Wespennest, aber was solls:

    Dem zweiten Spruch “Das Recht auf eine Raubkopie ist genauso schwachsinnig wie das Recht auf einen Zweitwagen!” kann ich durchaus zustimmen. Ich hätte es zwar weit weniger martialisch ausgedrückt, aber den Kern trifft es für mich durchaus. Es gibt kein “Recht auf Privatkopie”, sondern nur eine Schranke des Urheberrechts zugunsten von Privatpersonen (§ 53 UrhG). Der Unterschied? Bei einem “Recht” wäre es eine Art eigener Anspruch, eine Anspruchsstellung, halt etwas eigenes, was man den Betroffenen (Urhebern) entgegensetzen könnte. Bei einer “Schranke” hingegen muss der Urheber eine bestimmte Handlung Dritter einfach dulden, weil sie gesetzlich legitimiert ist. Die Sichtweise geht hier von einer Beschränkung des Urhebers und nicht von der Verleihung eines Anspruchs an den Kopierwilligen aus. Leider beobachte ich - auch in meinem studentischen Umfeld - viel zu wenig Respekt gegenüber den geistigen Leistungen anderer, es wird fröhlich kopiert. Sicherlich in einem winzigen Ausmaß, aber es bleibt eine Missachtung der Schöpfungen anderer.

    Ich reagiere auf Aussagen wie “Tut keinem weh” oder “Sollen sie halt die Preise senken, dann wird das Kopieren attraktiver” (oder ähnlich tumbe Aussprüche” allergisch. Warum? Weil ich selbst Betroffener bin und zwar als Autor. Ist zwar nicht ganz das Gleiche wie im Musik- oder Filmbereich, aber es passt dennoch einigermaßen. Wenn Bücher, an denen ich mitgeschrieben habe, als eingescanntes pdf durch die Netzwelt wandern oder ganze Freundeskreise sich die Bücher kopieren (im Rollenspielbereich nicht unüblich), könnte ich sauer werden. Da geht unserem Verlag echtes Geld flöten, dass in die nächsten Bücher investiert werden könnte. Daher bin ich bei diesem Thema etwas sensibel. ;-)

  2. 2 Halla schrieb am 28. Juli 2006 um 13:04 Uhr:

    Inhaltlich mag der Spruch mit dem Zweitwagen stimmen, da hast Du sicherlich recht. Niemand hat ein “Recht” auf das Kopieren. Aber mir ging es auch mehr um die Ausdrucksweise, die ich für allerunterste Schublade halte: So einen Ton will ich in Blogs oder im privaten Bereich haben. Wenn aber “Industriekapitäne” in dem Ton kommunzieren wollen, dann geht das einfach nicht klar. Besonders sauer ist mir dabei vorallem das “Viele Raubkopierer kennen Gefängnisse nur aus Filmen. Wir zeigen Ihnen jetzt die Originaldrehorte.â€? aufgestoßen. Das klingt so…. so… billig irgendwie. Nach einem ganz schlechten Hollywood-Filmchen.

    Was die ganze Problematik mit der Raubkopiererei angeht: Was mich dabei so unglaublich wütend macht, ist vorallem das Verhalten der Industrie, die eben ganze Bevölkerungsschichten kriminalisiert und dabei vorallem die Musikindustrie, die regelrecht gegen die Kunden “kämpft” (ich sag nur Sony Rootkit).

    Bücher kopieren? Meinst Du tatsächlich physisch auf einem Kopierer? (Papier usw.) Finde ich etwas schräg, da hier die Kosten für das Kopieren wahrscheinlich schon an das Originalbuch heranreichen. Aber davon abgesehen gibts da einen entscheidenden Bruch in der Analogie: In dem Fall wären es analoge Kopien - keine digitalen wie bei Filmen oder CD’s. Anders sieht das natürlich bei PDF’s aus, das hast Du recht…. Was das mit den Preisen für CD’s allerdings angeht: Die sind ein schlechter Witz. Eine Technik aus den 80er Jahren im Jahr 2006 noch genauso teuer verkaufen zu wollen wie damals ist so ziemlich das naivste was ich je gesehen habe. Zumal die Herstellungskosten dafür stetig fallen. Und da lasse ich mich auch auf Aussagen wie “Preise senken, dann wirds attraktiver” oder “Mehr Leistung (DVD,Videos,mehr Versionnen etc) fürs Geld” festnageln ;-)

  3. 3 Jan-Tobias schrieb am 28. Juli 2006 um 14:07 Uhr:

    Die Kriminalisierung weiter Bevölkerungsteile durch die Industrie ist sicherlich der falsche Weg, einverstanden. Aber anders herum muss man sich fragen, warum ein Großteil der Bevölkerung Raubkopieren (so falsch der Begriff auch ist) als Kavaliersdelikt ansieht und nicht mitbekommen will, welchen Schaden man - auch als Einzelner (als Teil der Masse) - damit anrichtet.

    Die Preise für CDs gefallen mir auch nicht immer. Aber dein Argument mit dem “Technik der 80er” passt IMHO nicht so ganz. Der Preis einer CD kommt kaum durch die Herstellungskosten der physischen Manifestation zustanden, sondern durch andere Bestandteile, hier vor allem Marketing (hier vor allem Marketingkommunikationspolitik), Künstlerbezahlung und ähnliches. Die reinen CD-Presskosten sind vernachlässigbar, daher können sie auch kaum Einfluss auf den Preis haben.

  4. 4 Halla schrieb am 28. Juli 2006 um 14:56 Uhr:

    Ich denke, die Tatsache, daß das “Raub-”Kopieren von Musik o.ä. noch immer als Kavaliersdelikt angesehen wird, hat ähnliche Gründe wie die Tatsache, daß man auch Steuerhinterziehung noch als Kavaliersdelikt ansieht: Man fühlt sich einfach schlecht und ungerecht behandelt, was das eigene Handeln eben legitimiert. Stichwort “Homo Sociologicus”:

    “Der homo sociologicus ist nach ihm das Gesamt seiner sozialen Rollen, die ihrerseits von Normen […], von Erwartungen und von (belohnenden, bestrafenden) sozialen Sanktionen anderer (auch: des Rollenträgers selbst) geprägt werden. Entsprechend handelt er in Kompromissen, die er selber findet.

    aus http://de.wikipedia.org/wiki/Homo_sociologicus

    Entscheidend ist der letzte Satz: Das Handeln in Kompromissen, die man selber findet. Die Industrie zieht mich ab, also nehm ich mir die Musik eben für lau. Unrechtsbewußtsein? Nichts davon.
    Davon abgesehen, halt ich die Zahlen der Verluste durch Kopieren, die die Industrie immer wieder beschwört, für schlicht und ergreifend lächerlich. Das hat einfach andere Gründe. Nicht jeder Download wäre schließlich auch ein Kauf im Geschäft geworden, bzw. andersherum: So manchem Kauf ging erstmal ein Download voraus. Dazu kommt auch die Frage, ob der Vertriebsweg mit CD und Plattenläden nicht vielleicht einfach überholt ist, und nicht die Mehrheit der Kunden lieber direkt online (ohne DRM!) kaufen würde. Schließlich dürfte sich heutzutage weit mehr Musik “elektronisch” gespeichert auf Festplatten, iPods, MP3-Player usw. als im klassischen CD-Regal befinden (zumindest bei der Mehrheit, weniger bei den wirklichen “Fans”)

    Wenn Du sagst, daß Argument mit den Herstellungskosten zieht nur begrenzt, gebe ich Dir recht. Aber trotzdem: Die Technik hat die CD überrolt. Kein Hersteller versucht doch auch noch, heutzutage für einen einfach CD Player 100 Euro zu verlangen. Das geht höchstens noch mit DVD’s. Und sicher, der größte Teil geht für Marketing-Kampagnen drauf. Aber für wen oder was denn? Mit den Kampagnen wird der größte Dreck in die Charts gepusht. Ich behaupte einfach mal, wenn man die Ausgaben fürs Marketing etwas zurückfahren würde, wäre auch wieder “bessere” Musik in den Charts (egal aus welchem Genre, das ist Geschmackssache), die sich auch OHNE teures Marketing verkaufen würde… Stichwort Arctic Monkees, oder Lily Allen. Warum um Himmels Will soll ich das Marketing vom Crazy Frog, Grup Tekan oder sonstigem Schrott querfinanzieren.

    Was mich dabei besonders auf die Palme bringt: Ich sehe nicht mal ansatzweise die allergeringste Spur von Selbstkritik bei den Majors. Niemand fragt sich, ob man nicht vielleicht einfach selbst Fehler in den letzten Jahren gemacht hat. Stattdessen schiebt man es einfach auf die bösen “Raub-”Kopierer ansatt sich mal zu fragen, WARUM die Leute Musik kopieren….

    Anyway, jetzt artet das hier in eine Grundsatzdiskussion aus, die vielleicht auch etwas neben dem von Dir ursprünglich angesprochenen Thema liegen mag. Auf jeden Fall sind Fehler gemacht worden. Aber sicherlich nicht nur von den Verbrauchern, wie das die Industrie immer wieder behauptet, sondern eben auch von der Industrie selbst…Raubkopierer

Mein Kommentar dazu: