Vierkant
7. Juli 2006, 11:28 Uhr WG Life Halla
Die 15m2, die mein Mitbewohner und ich pro Person in unserer Darmstädter WG vor einigen Jahren jeder zur Verfügung hatten, waren knapp bemessen. Vorallem wenn man große Möbel wie Schreibtische und Betten darin unterbringen muss. Aber als begeisterte und talentierte planlose Heimwerker fanden mein Mitbewohner und ich schnell eine Lösung für dieses Dilemma: Hochbetten mußten her! Die Erfahrungen, die wir bei deren Bau machen sollten, führten wenige Wochen später geradewegs zu der Schnapsidee mit der Zwischendecke im Flur - aber das war eine andere Geschichte.
Statische Berechnungen und Pläne sind was für überängstliche Bauingenieure, daher verzichteten wir darauf uns vorher Gedanken über den Bau zu machen und fuhren stattdessen schnurstracks in den nächsten Baumarkt. Ähnlich wie beim Bau von Wolkenkratzern setzten wir ebenfalls auf ein stabiles Tägergerüst aus massiven Doppel-T-Stahlträgern 12×12cm-Vierkanthölzern, die als Meterware günstig zu haben waren. Also her den Dingern, bis das Kontolimit einen weiteren Kaufrausch verhindert. Mit 3,50m Länge waren diese Hölzer leider sehr sperrig, weswegen wir sie auf dem Dachgepäckträger des Kombis meines Mitbwohners verzurren mußten, der auch gleich das erste Opfer an den Heimwerkergott darstellte: Die Hölzer hatten ein derartiges Gewicht, daß sich Dachgepäckträger samt Dachreling(!) während des Transports vollkommen verbogen hatten. Was den Widerverkaufswert der Karre anging: Der hatte einen ebensolchen Knick erlitten wie die Dachreling, aber wayne: Wo gehobelt wird, da fallen eben Späne.
Und ebendiese Späne, die mußten wir notgedrungen auch produzieren: Mit 3,50m waren die Kanthölzer zu lang und zu sperrig, um sie durch das Treppenhaus in die WG zu bekommen. Der Möglichkeit, ein Fenster anstelle der Wohnungstür zu benutzen schied ebenfalls aus, da sich direkt vor unseren Fenstern die Oberleitungen der Darmstädter Straßenbahn befanden: Wir wären entweder wegen Bahnsabotage verhaftet worden, oder von 12.000 Volt in der Leitung ohne Prozess hingerichtet worden. Also: Die Hölzer mußten an Ort und Stelle auf ein passendes Maß zurechtgesägt werden, Späne produzieren, das war das Stichwort.
Problem dabei: An “Ort und Stelle”, das hieß in unserem Fall nichts anderes als der Vorplatz der Darmstädter Stadtkirche in der Innenstadt, genau neben dem Cityring und am Eingang der Fußgängerzone (Google Maps Satellitenbild).
Mein Mitbewohner, ein Elektotechnik-Studi, dessen zweiter Name McGyver war, holte 2 Dinge aus der Wohnung: eine Kreissäge und einen Spannungswandler, mit dem wir aus der Autobatterie 220V Spannung für die Säge abzapfen konnten. Ich kümmerte mich derweil um nicht weniger nützliches Equipment: ein paar Dosen Neptun-Pilsener aus dem Penny nebenan. Derart ausgestattet konnte es losgehen mit dem zurechtsägen der Vierkanthölzer.
Ein Riesenspaß: Mitten in der Darmstädter City auf dem Kirchplatz gegen sieben Uhr abends stand nun also ein Kombi, der dort niemals parken dürfte. Mit laut aufgedrehtem Autoradio und offener Motorhaube, unter der ein paar Kabel von der Batterie zu einer Kreissäge führten. Nebendran ein Stapel Holz und eine halbe Palette Bier, der Boden fingerdick mit Holzspänen bedeckt. Und davor turnten zwei schwer arbeitende Studenten rum. Unbezahlbar: Die Reaktion der Passanten, die irgendwo zwischen Unverständnis, der Suche nach einer versteckten Kamera, Kopfschütteln und breitem Grinsen lagen.
Aber wir leben nun mal in Deutschland, und so dauerte es keine 30 Minuten, bis die Heulsusen vom Amt das Ordnungsamt vor unserem Holzarbeiter-Camp vorfuhr, uns in die Mangel nahm und mit allem möglichen Mist vollblubberte. Nicht mal das angebotene Bier wollten die nervigen freundlichen Beamten mit uns trinken. Lange Rede, kurzer Sinn: Das Auto mußte vom Platz und die Kreissäge zurück in die Wohnung. Wenigstens konnten wir den Ordnungsfuzzis noch das Zugeständnis aus den Rippen leiern, die Balken per Hand zersägen zu dürfen (sonst konnten wir sie nicht in die Wohnung schaffen). Ab da wurde es dann auch verdammt anstrengend: Große Vierkanthölzer mit einem stumpfen Fuchsschwanz (einer Handsäge) zu bearbeiten, macht nicht wirklich Spaß… Und die Späne mußten wir im Anschluss daran auch noch zusammenkehren.
Aber hey: Am Ende des Tages befanden sich zwei Dutzend passend zurechtgesägte Balken in der Wohnung, die sich bald in zwei perfekt gearbeitete Hochbetten verwandeln sollten! Das Glück ist eben mit den Tüchtigen.






riesig *bigfettgrinsend* WG ist toll!
Wer es noch nicht (unten im Wikipedia-Artikel) gesehen hat. Einer meiner liebsten Wikipedia Artikel: http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_problems_solv...