Kakerlaken
16. Juni 2006, 15:48 Uhr WG Life Halla
Heute gibts wie versprochen mal wieder eine Geschichte aus meinem früheren Leben als WG-Bewohner:
Es gibt Dinge, die will man einfach nicht sehen, wenn man im Bad steht und sich die Zähne putzt. Kakerlaken gehören eindeutig in diese Kategorie. Als ich noch in meiner Darmstädter WG gewohnt habe, ist leider genau das passiert. Meinem Mitbewohner und mir war sofort klar: Da mußte was passieren. Und zwar sofort.
Da wir beide in unserer jugendlichen Unbekümmertheit große Freunde von blindem Aktionismus waren, legten wir auf der Stelle los. Die Kakerlaken hatten uns durch ihre bloße Anwesenheit den Krieg erklärt und das erwartete einen entsprechenden Gegenschlag durch uns.
Unser Plan umfasste drei Phasen:
- Abwehr der Insekten, bevor diese in die Wohnräume einbrechen können
- Aufklärung um die genaue Art der Plage
- Konterattacke unter Einbeziehung aller chemischen Mittel sowie einem Kammerjäger
Punkt 1 liess sich leicht umsetzen. Wir gaben unsere gesamte Bierkasse unser letztes Essengeld für den Reiniger mit den meisten Warnhinweisen auf der Flasche aus und benutzten davon beim Putzen etwa das 15fache der empfohlenen Menge pro Liter Wasser. Vorallem aber saugten wir die Sägespäne weg, die noch vom Bau der Hochbetten überall rumlagen. Von der Farbe des Bodens waren wir anschließend selbst überrascht - so hatten wir ihn nur beim Einzug gesehen…
Die Türrahmen unserer beiden Zimmer wurden rundrum mit dickem, doppelseitigen Klebeband beklebt - wasauchimmer aus Versehen da drauf trat, würde klebenbleiben. Das galt insbesondere für 6-Beiner!
Aus meiner Zeit in vietnamesischer Kriegsgefangenschaft war mir auch noch der Trick bekannt, die Beine der Betten in Konservendosen zu stellen, die mit Benzin oder Verdünner gefüllt waren. Damit läßt sich Ungeziefer zurückschlagen, das einen Angriff vom Boden aus versucht und die Bettpfosten hochkrabbeln will. Und außerdem riecht das Benzin besser als der Klebstoff, den wir sonst schnüffelten ganz angenehm. Allerdings war ich zu dieser Zeit noch starker Raucher, daher erschien uns das mit dem Sprit zu risikoreich.
Phase 1 galt somit als abgeschlossen.
Phase 2 sah die taktische Aufklärung und Beweissicherung vor. Zu diesem Zweck sammelten wir Reste aus der Küche ein: Schinken, Käse, Tomaten, Zucker, Müsli, Milch und Kakao. Das alles richteten wir ansprechend in einer Art Futterkrippe auf dem Küchenboden her. Mein Mitbwohner nannte damals (2000!) bereits eine der ersten Digitalkameras sein Eigen, und eben diese Kamera richteten wir mittels Stativ so aus, daß sie die Futterkrippe immer im Blick hatte. Per Automatik schoß die Kamera dann ein Bild pro Minute - und das die ganze Nacht hindurch. Die Fotos kopierten wir dann jeden Morgen auf den WG-Server um sie im Laufe des Tages zu sichten. Auf diese Weise hofften wir ein Exemplar der Brut vor die Linse zu bekommen.
Das klappte auch. Nicht.
Meine damalige Freundin hatte bei mir geschlafen und wir saßen in der Küche beim Frühstück. Die ganze Situation mit den 6-Beinern und der Futterkrippe neben ihr auf dem Boden war ihr gar nicht geheuer und so mußte ich für jeden Besuch ihrerseits meine Überredungskünste meinen Charme und mein blendendes Aussehen in die Waagschale werfen, um sie zum mit-mir-nächtigen zu überreden. Mein Mitbewohner hatte an diesem Morgen die Kamera bereits abmontiert und stand damit im Bad, um während dem Zähneputzen einen ersten Blick auf die Aufnahmen der Nacht zu werfen. Plötzlich ein aufgeregtes Quieken, Wasserrauschen und dann flog auch schon die Tür auf. Mein Mitbewohner stürzte mit Zahnpastaresten in den Mundwinkeln auf uns zu: “Ich hab eine - das Sch**vieh war schon wieder im Bad! Hier, ich hab sie gerade auf Video bekommen!”. Sprachs, und hielt uns triumphierend die Kamera unter die Nase. Und wirklich, auf dem Display war eine dicke Kakerlake zu sehen, die quer über die Fensterbank rannte um dann in einem Mauerspalt zu verschwinden.
Meine Freundin sah das Video. Und sah die Kakerlake, die quer über ihre Zahnbürste rannte, die sie immer auf der Fensterbank deponierte und mit der sich sich nur wenige Minuten zuvor noch die Zähne geputzt hatte. Und ich sah meine Freundin. Nicht. Zumindest nicht mehr in dieser Wohnung. Das Brötchen auf dem sie gerade noch rumgekaut hatte, blieb ihr förmlich im Hals stecken (gottseidank - wer weiß, was ich mir sonst hätte anhören müssen!) und gleich darauf war mit einem angeekelten Grunzen aus der Wohnung verschwunden. Naja, wo gehobelt wird, da fallen eben Späne.
Aber immerhin hatten wir Phase 2 somit abgeschlossen.
Für Phase 3 wandten wir uns dann an einen Kammerjäger. Ehrlich gesagt hatte ich mich auf einen Typen mit Gasmaske, Kampfanzug und vielleicht einem Flammenwerfer oder sowas gefreut - wie bei Ghostbusters eben. Ich wurde bitterlich enttäuscht - es kam ein vollkommen unspektakulärer Typ, der in der ganzen Wohnung kleine Pappschachteln verteilte mit Lockstoffen und Gift verteilte. Laaaaaaaaaangweilig. Ich weiß nicht mal, ob der ganze Aufriss was gebracht hat. Einen Monat später brach ich nämlich mein Studium ab, und wir zogen aus.
Zu unserer Ehrenrettung muss ich sagen, daß nicht etwa unsere chaotischen Wohnverhältnisse in der WG an dem Ungeziefer schuld waren. Das lag vielmehr an dem chinesischen Restaurant, das in dem Haus direkt unter unserer Wohnung lag, und das ebenfalls bei dem Kammerjäger Stammkunde war. Das habe ich aber meiner damaligen Freundin nie erzählt. Dort gab es nämlich für lausige 11 DM (Deutsche Mark, für die jungen Leser. Das war das, was vor dem Euro war) ein All-you-can-eat-Buffet, das wir häufiger heimgesucht hatten und auf das ich nicht verzichten wollte…






Hmm aye,
das duerfte Motivation genug sein meine Wohnung am Wochenende mal wieder von Zimmer ueber Kueche bis Bad auf den Kopf zu stellen. Riecht dann sicherlich auch wieder viel besser und Frauen koennen die Hoehle hier auch wieder betreten…
Guter Schreiberling, der Halla. Auch bei Geschichte Nummer 2 viel gelacht. Weiter so und mehr davon!!!
Hahaha, igitt…
da hätt ich mir aber weg und die 11DM gespart und die kakerlaken direkt vom fensterbrett gefuttert
frittiert sollen die ja äußerst knusprig sein…