Juristerei
27. März 2006, 20:12 Uhr Industrie? Anarchie! Halla
Zur Zeit vergeht keine Woche, ohne das ein Anwalt/Unternehmen und ein Blogbetreiber aufeinander knallen. Diese Woche hat es Moni von wasweissich aufgrund dieses Postings erwischt.
Schon eine crasse Sache: Eine Freundin von ihr wird unter meiner Meinung nach vollkommen inakzeptablen Umständen von ihrem Arbeitgeber , der NGO-Organisation Transparency International, gefeuert. Als sie darüber in ihrem Blog berichtet, fährt der “Ethik-Beauftragte” der Organisation ganz, ganz schwere Geschütze auf und beginnt mit juristischem Trommelfeuer.
Was ist zur Zeit eigentlich los hier? Darf man sich nur noch beschweren, wenn es keiner hört? Oder beginnt man in der Industrie jetzt erst zu merken, daß es im Internet mehr gibt als monolithische Firmen-Websites zur Selbstbeweihräucherung und Jamba-Downloadportale? Wenn das mal nur nicht nach hinten los geht.
Update: Mittlerweile berichtet auch Golem über den Fall.






Nein, es heißt jetzt nur “Realität trifft Klein-Bloggersdorf”. Unternehmen beginnen immer weitreichender, sich um ihr öffentliches Bild im Internet zu kümmern und durchforsten daher das Netz nach negativer Berichterstattung. Ich gehe davon aus, dass nur in einem Bruchteil der aufgefundenen Artikel die Unternehmen aktiv werden und auch dann oft noch vergleichsweise harmlos … nur schaffen es diese Fälle eben nicht, die Aufmerksamkeit der Blogger so sehr auf sich zu ziehen, wie der oben berichtete oder andere bekannte (Sozialgericht Bremen, …).
Einige Blogger glauben anscheinend, die Realität und das Bloggen wären zwei getrennte Dinge. Noch heute habe ich in einem Blog den gelesen “Die da draußen” würden die Blogger nicht verstehen. Es gibt kein “die da draußen”. Klein-Bloggersdorf ist Bestandteil der Realität und die entsprechenden Blogs gehören zu den Nachrichtenmedien, ebenso wie Zeitung, TV und Radio.
Daher würde ich einem angehenden Blogger stets raten: Überlege dir, wenn du dir beim Inhalt eines Artikels unsicher bist, ob er so in einer normalen Zeitung erscheinen könnte, oder ob du glaubst, dass die Zeitung dann Ärger bekäme.
Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Udo Vetter vom Lawblog hat zum lächerlichen TI-Hickhack alles geschrieben, was gesagt werden muss und ich drücke Moni die Daumen, dass die Angelegenheit für sie gut aus geht. Denn was ich sagen möchte, ist: Weg mit den Scheuklappen, wir Blogger würden nicht beachtet und unsere Artikel hätten Sonderrechte gegenüber anderen Medienberichten. Wenn jemand Persönlichkeitsrechte verletzt oder Lügen verbreitet, ob online oder offline, wird sich der Verletzte dagegen wehren (können). Und nur weil ein Unternehmen (oder hier eine NGO) meint, Recht zu haben, muss es noch lange nicht so sein, doch auch dafür gibt es Rechtsmittel (z.B. negative Feststellungsklage oder Gegenabmahnung), um sich dagegen zu wehren.
Wir Blogger müssen uns einfach daran gewöhnen, dass wir immer weitgehender genauso beobachtet werden wie traditionelle Medien und dementsprechend mit denselben Konsequenzen leben müssen: Mist gebaut, böse Post. Kein Mist gebaut, eventuell trotzdem böse Post eines verärgerten Unternehmens (z.B. bei negativer Berichterstattung, passiert ja im Printbereich auch), aber Möglichkeiten der Gegenwehr.
Alles richtig. Nur würde ich das nicht direkt als Daumenregel festlegen. Denn, gerade der persönliche Blickwinkel und die eigene Befangenheit machen Blogs im Rahmen dieser Technologie im Gegensatz zu klassischen Medien (mit einem bevorteiltem Redakteur samt großer Plattform) wertvoll.
Gerade diese Kraft, dass irgendwo eine kleine persönliche Perle schlummert und schnell an Aufmerksamkeit gewinnen kann, macht die Blogosphäre so stark.
Grundsätzlich gilt, dass dies matürlich nur dann funktioniert, wenn man bei der Wahrheit bleibt oder es effektive Reinigungsmechanismen (möglicherwiese durch die Blogosphäre selbst) gibt.
Aber doch ist es so, dass man bei einer Abmahnung durch die Rechtsabteilung einer großen Firma/Organisation, als einzelner Blogger, benachteiligt dar steht. Sei es nur durch Zeit.
Damit hast Du ganz sicher recht: Diffamierungen, Unwahre Äußerungen und Beleidigungen gehören nicht ins Netz, egal ob in Blogs oder sonstwohin. Wobei ich zugeben muss, daß es manchmal auch mit mir etwas durchgeht, wenn es um Beleidigungen geht (ein herzliches “Arschloch” hat man halt schnell mal getippt :-)). Aber der Grundsatz mit dem “Schreib nichts, was Du nicht auch einem Fremden sagen würdest” gilt schlicht und ergreifend - genauso wie der Grundsatz des gleichen Rechts für alle. Auch Blogger haben keine Sonderstellung.
Das Problem ist aber, daß viele Unternehmen einfach versuchen, die negative Berichterstattung zu unterdrücken, selbst wenn sie wissen, daß sie eigentlich nicht im Recht sind. Aber allein das bloße Auftreten eines Anwalts schüchtert eine Privatperson i.A. derart ein, daß man gar keine Lust mehr hat, sich dem finanziellen Risiko einer Klage auszusetzen und lieber schnell den Schwanz einzieht. Und das wird von den Unternehmen ganz gezielt ausgenutzt - für mich ist das die eigentliche Schweinerei.
Sicher, das mit diesen “negativen Feststellungsklagen” ist eine Sache - nur versuch das mal juristischen Voll-Laien wie mir oder Tausend anderen Bloggern beizubringen. Man kann nur hoffen, daß die jetzigen Abmahner allesamt spektakulär auf die Fresse fallen, damit die Fronten danach geklärt sind und solche Abmahnungen dann nur noch in gerechtfertigen Fällen versandt werden.
Genau das meine ich. Es ist eine Art medientechnische Evolution. Einige traurige Unternehmen probieren jetzt genau das, was sie zu früheren Zeiten bei den klassischen Medien probiert haben (Einschüchterung). Aber das wird sich geben, denn die Umgehensweise von Unternehmen und Bloggern wird sich IMHO immer weiter dem annähern, was man heutzutage beim Verhältnis klassische Medien und Unternehmen beobachten kann: vorsichtiges Mit- und Gegeneinander. Das nutzt dem Einzelnen, der jetzt gerade betroffen ist, natürlich wenig, keine Frage. Aber es trägt gehörig dazu bei, das Bauchgrummeln bei den derzeitigen Ereignissen zu beruhigen.
Demnach könnte man vielleicht sagen, daß in dieser Zeit gerade “Präzedenzfälle” geschaffen werden, in der die Industrie die Blogger beschnuppert und einige Versuchsballone steigen läßt.
Ein Grund mehr, sich jetzt sozusagen solidarisch mit den Abgemahnten zu zeigen und diese nach Kräften zu unterstützen - sei es nur, indem man sie verlinkt und nach Kräften darauf hinweist.
Ein Verhältnis von Bloggern zur Industrie , das dem Verhältnis Medien/Unternehmen ähnelt wie Du es beschrieben hast, wäre imho absolut wünschenswert: ein vorsichtiges Mit- und Gegeneinander.
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Halla schrieb:
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Demnach könnte man vielleicht sagen, daß in dieser Zeit gerade “Präzedenzfälle” geschaffen werden, in der die Industrie die Blogger beschnuppert und einige Versuchsballone steigen läßt.
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Jepp, genau so könnte man es IMHO ausdrücken.
Habe den Trackback vergessen. Manuell nachgezogen:
"Moni", Jürgen Habermas and civil liberties
[…] The case “Moniâ€? (usually a nickname for Monica) is being well discussed over here, in Germany. At first, due to the fact that a lot of bloggers are being sued at the moment, and secondly because of the prominent NGO “Transparency Internationalâ€? involved. There is English coverage at Larko’s Blog. […]