Sozialautisten
24. März 2006, 01:44 Uhr Industrie? Anarchie! , Lernerei Halla
“Sie werden kein Designer sein. Sie werden auch kein Programmierer werden. Und auch kein BWL’er”, so die Begrüßung eines Profs im ersten Semester. Spätestens an diesem Punkt habe ich mich gefragt, warum ich eigentlich wieder mit Studieren angefangen habe, wenn ich hinterher doch nichts auf die Reihe bringe. Gut, gelegentlich mal ausschlafen ist ein klarer Pluspunkt, aber das allein kann’s ja nicht sein. Der nachfolgende Satz dagegen stimmte mich ein wenig hoffnungsvoller: “Aber sie werden verstehen, worum es in den Teilbereichen geht, sie werden mit den Leuten reden können und sie verstehen und sie vielleicht sogar dazu bringen, daß sie miteinander reden”. Klingt zwar ein wenig nach Eheberatung, aber bitteschön: Jetzt ist es ja sowiso zu spät, ich habe gekündigt und bin immatrikuliert (mittlweile sogar schon im zweiten Semester, aber darum gehts ja nicht).
So blöd war das auch nicht, was mein Prof damals gesagt hat: Projekte im Web oder anderen komplexen (IT-)Umgebungen laufen immer mehr im interdisziplinären Umfeld ab. Man braucht Designer und Grafiker, Programmierer, System- bzw. Serverspezialisten, Marketing- und Werbeleute, evtl. Texter und auch Tester schaden nicht. Wenn’s dann auch noch um E-Commerce gehen soll, sind genauso BWL’ler und Produktspezialisten gefragt. Ein bunt gemischter Haufen, der unter Zeit- und Kostendruck hochkomplexe Projekte auf die Reihe bekommen soll. Jeder einzelne soziologisch und technisch vollkommen unterschiedlich geprägt - man stelle sich nur mal vor, wie ein Programmierer und ein Werber miteinander kommunizieren sollen! (Am besten gar nicht.) Ohne jemanden, der sozusagen zwischen den Fronten steht, geht das nicht.
Eigentlich merkwürdig, daß man jemanden braucht, der dafür sorgt, daß alles reibungslos abläuft. Besonders Programmierer sind ein schwieriges und charismatisches Völkchen: Intelligent, aber sozial nicht so ganz auf der Höhe. Man schlägt sich als Einzelgänger durch, Kontakte zu anderen Personen bitte nur online oder mit irgendeiner Technik dazwischen und auch nur mit Typen des gleichen Schlags. Probleme einfach mal so formulieren, daß sie jeder verstehen kann? No way! Ich weiß, daß klingt sehr böse, und ist sicher auch überspitzt formuliert (und es sind auch nicht alle so, blabla…), aber ich habe genau diese Erfahrung gerade mit Programmierern schon öfter selbst gemacht - und dabei habe ich aufgrund von Ausbildung, Arbeitserfahrung und Studium schon einen weitaus technischeren Background als manch anderer.
Kürzlich habe ich sogar ein nettes Wort aufgeschnappt, daß diesen o.g. Typus benennt: “Sozialautisten”. Wer ist also derjenige, der alle diese Sozialautisten zusammenbringt? Genau: Der Projektmanager. Derjenige, der von allem ein wenig Ahnung hat, aber trotzdem nichts richtig kann. Derjenige, der das Kindermädchen zwischen einem Haufen Sozialautisten spielen darf. Derjenige, der Media System Design studiert und sich nicht rechtzeitig auf ein Teilgebiet dieses interdisziplinären Studiengangs einschießt. Das wird noch lustig.






Irgendwie kommt mir das sehr bekannt vor, dieses “alles aber auch irgendwie nichts” können. Ich habs zunächst mit Informatik versucht. Dort hieß es: “Programmieren müsst ihr nicht, das machen die Programmierer. Mit Zahlen rumschlagen auch nicht, das machen die Mathematiker. Die Rechner auseinander nehmen ist auch nicht euer Arbeitsfeld, das machen die …” Mittlerweile bei Linguistik gelandet (Spezialisierung auf Kommunikation) ist es irgendwie nicht besser: Wir machen alles aber auch nix. Etwas Soziologie, etwas Psychologie, manchmal etwas, das ich der Medizin zuordnen würden, dann wieder etwas mathematisch-logisches …
Interdisziplinär heißt wahrscheinlich einfach wirklich nur “alles aber irgendwie doch nix machen”.
Irgendwie bin ich beruhigt, daß es mir allein nicht so geht
Auf der anderen Seite: Studierst Du “nur” Physik oder sowas, hält Dir wahrscheinlich jeder vor, Du wärst ein Fachidiot.
Ach, wie man’s macht, isses verkehrt… am besten also, man macht gar nix
WORD, Halla!
*hihi*
“Sozialer Autist” wollt ich mir auf ein t-shirt drucken lassen
- ich glaube er hat in unsere richtung gesehen, als er diesen begriff in die runde warf… *gg*
das doch klasse ich konnt schon immer nix richtig
also ich bin hier genau richtig
mitn leuten schwätze und dem einen erklären was der andere eigentlich will bissl wie 2 bei kallwass (oder wie heisst die nochma) und im endeffekt nix machen (natürlich dabei en haufen geld verdienen). jap genau meine gewünschte zukünfitige job beschreibung
inkompetenz an die macht
msd rawgs
Asozial, na und? Ich steh dazu und hab Spaß dabei
Alle Macht den Doofen.
@Halla: Naja, das wird hier in Deutschland fast schon zu viel erzählt. Keiner macht mehr ausführende Arbeiten. Alle wollen leiten, lenken, kommunizieren und bilden “Schnittstellen”. Exzellente Könner werden auch noch gebraucht, die man nicht in Indien oder der Tschechei erhält.
@Claudia: Dann bist Du ja mit Linguistik nicht sehr weit von der klassischen Informatik weg, wenn im Grundstudium Chomsky und Co. kennengelernt hast.
@reuben: Glaub mir, ich halte auch nicht viel von diesen Schnittstellenfuzis, den “Entscheidern”, Managern und wasweißich. Deshalb sag ich ja, man muss sich schnell spezialisieren, sonst endet man schnell als Kindermädchen für Sozialautisten.
Da bin ich selbst lieber der Soziale Autist und kümmere mich ums Coden
Die Frage ist nur, ob das Know-How dazu reicht, was man mir vermittelt.
[…] …sollten schon mitbekommen haben, dass ich Media System Design an der Hochschule Darmstadt studiere. Doch oft werde ich gefragt, was das ganau ist und was man später damit machen kann. Mein Kommilitone und Blogger Daniel hat das ganze hier mal ein wenig beschrieben. […]
Yup, Parallelen sind schon da …
[…] So zum Beispiel die Umschreibung "sozialer Autist" *g* über die mein Komilitone Daniel und ich uns schon köstlich in einer Vorlesung amüsieren konnten […]